Montessori-Pädagogik
Die Pädagogik Maria Montessoris steht wie keine andere für einen wertschätzenden Umgang mit Kindern: Das Kind als Baumeister seiner selbst – so bezeichnet Maria Montessori die Fähigkeit des Menschen, sich aus sich selbst heraus zu entwickeln. Damit daraus kein „laissez faire“ sondern Begleitung und Unterstützung zur menschlichen und schulischen Bildung wird, bedarf es eines Umfelds, in dem sich die Entwicklung des Kindes optimal vollziehen kann.

Freiarbeit

Vorbereitete Umgebung

Kosmische Erziehung

Montessori-Entwicklungsmaterial

Integrierte Gesamtschule

Maria Montessori

Prinzipien der
Montessori-Pädagogik sind:

  • das Kind in seiner Persönlichkeit achten, es als ganzen, vollwertigen Menschen sehen
  • seinen Willen entwickeln helfen, indem man ihm Raum für freie Entscheidungen gibt
  • ihm helfen, selbstständig zu denken und zu handeln
  • ihm Gelegenheit bieten, dem eigenen Lernbedürfnis zu folgen, denn Kinder wollen nicht nur irgendetwas lernen, sondern zu einer bestimmten Zeit etwas ganz Bestimmtes (sensible Phasen)
  • ihm helfen, Schwierigkeiten zu überwinden, statt ihnen auszuweichen

  Kimberly (Mutter) 

  „Freiarbeit statt Frontalunterricht – konzentrierte Eigenbeschäftigung.

  Sensible Phasen, in denen die Kinder besonderes Interesse an unterschiedlichen Dingen zeigen, werden erkannt und genutzt!“             

                                                     

Freiarbeit

Der zentrale Teil des Unterrichts findet als Freiarbeit in der altersgemischten Gruppe statt. Die Kinder werden dabei von jeweils zwei LernbegleiterInnen betreut.

Hierfür ist die so genannte vorbereitete Umgebung notwendig: In offenen Regalen und Schränken befindet sich ein sorgfältig ausgesuchtes Angebot an Arbeitsmitteln, mit deren Hilfe das Kind sich Lehrinhalte z.B. aus den Bereichen Sprache, Mathematik und kosmische Erziehung aneignen kann. Das Montessori-Material ist optimal auf diese Arbeitsform abgestimmt. Das Kind kann nach einer Einführung durch die Lehrkraft selbstständig arbeiten und sich aufgrund einer im Material vorhandenen Fehlerkontrolle selbst überprüfen.

Die LernbegleiterIn führt das Kind in den Umgang mit dem Material ein, beobachtet es bei der Handhabung und leistet eventuell Unterstützung. Sie dokumentiert die Lernfortschritte und spricht bei Bedarf mit den Kindern Wochenpensen ab.

Ziel der Freiarbeit ist es den Kindern zu ermöglichen, in ihrer Arbeit zur Polarisation der Aufmerksamkeit zu gelangen. Das gelingt einfacher, wenn sie nach ihrem Interesse und in ihrem eigenen Lerntempo lernen können und selbst Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, indem sie ständig Entscheidungen treffen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, sich und ihre Arbeit selbst zu organisieren, sich selbst zu disziplinieren, zu kontrollieren und ihr Können und Wissen selbst einzuschätzen. Sich eine Aufgabe selbst zu stellen und diese selbstständig zu lösen, trägt in hohem Maße zur Ausbildung eines gesunden Selbstvertrauens und Selbstbewusstseins bei. Außerdem erhöht diese Arbeitsweise die Arbeitsmotivation.

Es ist uns wichtig, die Kinder von außen so wenig wie möglich bei einer konzentrierten Arbeit zu stören. Die Arbeitsphasen müssen so gestaltet sein, dass sie ausreichend Zeit für ein ungestörtes Arbeiten gewährleisten.

Auch in der Freiarbeit müssen sich die Kinder an Regeln halten, die sie selbst mitgestalten. Dies schult unter anderem ihr Sozialverhalten. Das Lerntempo wird von den Lernenden weitgehend selbst bestimmt. Sie haben die Freiheit, entsprechend ihrem Entwicklungsstand in einzelnen Fächern unterschiedliche Leistungsfortschritte zu machen.

bedeutet…

… dass das Kind wählen kann, woran es arbeitet und wie lange, wie oft, mit wem und in welcher Lernposition (z.B. am Tisch oder auf dem Boden).

Vorbereitete Umgebung

 Der Unterricht in unseren Lerngruppen wird nicht in erster Linie vom Lernstoff gelenkt, sondern von einer Umgebung, die entsprechend vorbereitet ist. Diese vorbereitete Umgebung umfasst in der Montessori-Pädagogik folgende Aspekte:

  • die Bereitstellung von entwicklungsangemessenem Material,
  • eine entspannte Lernumgebung, in der sich das Kind wohlfühlen und selbsttätig lernen kann,
  • die Persönlichkeit der Lernbegleiterin als Gesprächspartner/in, Beobachter/in der Kinder, Former/in und Pfleger/in der vorbereiteten Umgebung,
  • Darbietungen, Inputs und Einführungen in den Umgang mit den Materialien.

Diese vorbereitete Umgebung hält die Kinder aber auch zu Ordnung und Sauberkeit an. Die äußere Ordnung führt somit auch zu einer inneren Ordnung. Die Kinder erfahren, dass ihr Lernen nur dann funktioniert, wenn sie alle ihre Materialien vollständig an den richtigen Ort zurücklegen.

Diese sozialen Erfahrungen werden aus einer inneren Notwendigkeit heraus erfahren und nicht von außen aufgezwungen. Die Kinder müssen aufeinander eingehen und auch einmal zurückstecken können, ebenso wie sie sich auch in konstruktiver Teamarbeit gemeinsam Lerninhalte erarbeiten können – Fähigkeiten, die für das heutige Leben von großer Bedeutung sind.

Kosmische Erziehung

Maria Montessoris kosmische Theorie beinhaltet einen einheitlichen Schöpfungsplan. Die Natur stellt eine Ganzheit dar, in der jedes Teil eine Aufgabe für das Ganze erfüllt. Innerhalb dieses Systems nimmt der Mensch eine Sonderstellung ein, da er verändernd in den Lauf der Natur eingreift.

Dementsprechend versteht Maria Montessori unter „Kosmischer Erziehung“ die Begeisterung der Kinder und Jugendlichen für den Gesamtzusammenhang der Entwicklung des Universums und der Erde, der kulturellen Entwicklung unserer Gesellschaft sowie der Anleitung zum Kennenlernen und Verstehen dieser Zusammenhänge. Als solche ist sie als das Dach der gesamten bildenden Erziehung zu verstehen. Sie durchwebt alle Fachbereiche, definiert sie in ihrer Einzigartigkeit und als Teil des „Großen Ganzen“.

Aufgabe der kosmischen Erziehung als Fach ist es, dem Kind eine Vorstellung vom Zusammenspiel der Teile der Natur untereinander und mit dem Menschen zu vermitteln. Die wichtigsten Ziele sind Achtung vor und Verantwortung für die Natur und die vom Menschen geschaffene Kultur.

Einer der wichtigsten Bestandteile der Kosmischen Erziehung ist das Ausgehen vom Ganzen, um danach die Details studieren zu können. Auf diese Weise wird immer zuerst ein Überblick gegeben, der es ermöglicht, Detailwissen in ein „größeres Ganzes“ einzuordnen.

Weil die jüngeren Kinder eher über bildhaftes Vorstellungsvermögen verfügen, gibt Montessori Hilfen zur Anregung ihrer Vorstellungskraft, d. h. Hilfen zur Übertragung eines Sachverhaltes in eine symbolische Darstellungsform.

Reduziert auf den üblichen Fächerkanon umfasst die kosmische Erziehung alle natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen: Physik, Chemie, Biologie, Geschichte und Geographie.

Dabei geht es Maria Montessori aber immer um mehr, als die Vermittlung von Kenntnissen der einzelnen Teilbereiche. Das Erkennen der Zusammenhänge und des Zusammenspiels der Kräfte untereinander soll aktiv gefördert werden. So fordert sie beispielsweise einen Schulgarten und auch Möglichkeiten, Lernerfahrungen in der freien Natur zu sammeln, um so direkt Erfahrungen mit dem Naturgeschehen vermitteln zu können. Außerdem sollen die Kinder im naturwissenschaftlichen Bereich die Möglichkeit zum Experimentieren erhalten (Karteien, Sachbücher, Versuchsbeschreibungen in der Experimentierecke).

Durch ihre interdisziplinäre, ganzheitliche Sichtweise legt die kosmische Erziehung in vielen Kindern den Samen der Begeisterung für die Phänomene der Natur und das Studium der Naturwissenschaften.

Ein Beispiel dafür ist das „schwarze Band“, das von Montessori entwickelt wurde und im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte der Erde eingeführt wird: Das schwarze Band ist 50 m lang, wobei dies die Zeitdauer von der Entstehung der Erde bis heute symbolisiert. Hierbei entsprechen:

1 cm = 1.000.000 Jahre

1 m = 100.000.000 Jahre

50 m = 5.000.000.000 Jahre

Der letzte Zentimeter der 50-m-Bahn ist rot und stellt die Menschheitsgeschichte dar: etwa eine Millionen Jahre. Während der Stoffballen ausgerollt wird, erzählt die Lehrkraft die Geschichte der Erde. Die Kinder können sich durch das „schwarze Band“ gut vorstellen, wie kurz die Zeit ist, seitdem der Mensch auf der Erde erschien und wie viel Entwicklung bereits vorher stattgefunden hat.

„Einzelheiten lehren, bedeutet Verwirrung stiften. Die Beziehungen zwischen den Dingen herstellen, bedeutet Erkenntnisse vermitteln.“ Maria Montessori

Gruppenraum mit Montessori-Entwicklungsmaterial

Montessori-Entwicklungsmaterial

Das von Maria Montessori entwickelte Material schafft es in einmaliger Weise, Lerninhalte und innere Strukturen von Lernprozessen darzustellen und baut dabei systematisch aufeinander auf. Der Reiz des Materials liegt in seiner klaren, sachlichen Veranschaulichung der zu meisternden Schwierigkeit.

Ohne dieses spezielle Montessori-Material ist eine Montessori-Einrichtung nicht denkbar. Es versetzt das Kind erst in die Lage, seinem individuellen Entwicklungsstand entsprechend selbstständig und weitestgehend ohne Hilfe Erwachsener den Lernstoff zu erfassen und zu festigen.

Um als Montessori-Material zu gelten, muss ein Lernmaterial verschiedene Kriterien erfüllen:

Es soll

  • durch seine Ästhetik (angenehme Materialien, harmonische Farbgebung, Haltbarkeit….) das Kind unmittelbar ansprechen und dadurch zum Handeln und Erkunden auffordern;
  • Aktivität ermöglichen und fördern, da das handelnde Lernen die dem Kind angemessenste Lernform ist und dadurch dem kindlichen Bewegungsbedürfnis entsprochen werden kann;
  • möglichst viele Sinne ansprechen, um ein ganzheitliches (und dadurch kindgemäßes) Lernerlebnis zu ermöglichen und die Sinne zu schulen;
  • eine Selbstkontrolle ermöglichen, wodurch das Kind unabhängiger von der ständigen Kontrolle und Rückversicherung durch die LernbegleiterIn wird. Die Selbstkontrolle erlaubt eine unmittelbare Verbesserung des Fehlers und dadurch einen besseren größeren Lernerfolg als bei einer zeitlich verzögerten Nachkontrolle. Außerdem leistet die Selbstkontrolle einen wesentlichen Beitrag in der Erziehung zu Selbstständigkeit, Eigenverantwortlichkeit und Genauigkeit;
  • aus der Komplexität der Welt eine Schwierigkeit isolieren und sinnlich erfahrbar machen (z.B. das Dezimalsystem, das Zergliedern von Sätzen in Satzglieder, den Aufbau des Jahres…), damit diese dann gezielt geübt werden können.

Das Material unterstützt alle Phasen des Lernprozesses, vom handelnden, „ausprobierenden“ Umgang mit den Lerninhalten, zum Beispiel durch das Abzählen von Perlen, über eine bildliche Darstellung (Kreis – Halbkreis – Viertelkreis etc.) bis zur Abstraktion, zum Beispiel der schriftlichen Addition.

Die Stufe des Handelns nimmt während der Grundschulzeit einen sehr großen Raum ein, da das Kind in diesem Alter für seinen Denkprozess konkrete Handlungen braucht, um ein inneres Bild der jeweiligen Operation aufzubauen. Ist dies ausreichend geschehen, löst das Kind sich immer mehr vom Material und beginnt, Aufgaben zunehmend auf abstrakterem Niveau zu bearbeiten.

Integrierte Gesamtschule

Die Sekundarstufe (Klassen 7-10) hat eine Schlüsselposition zwischen der „Grundschule als dem Ort grundlegender Erfahrung“ und den gesellschaftlich geforderten Abschlussqualifikationen. Die Jugendlichen erleben in dieser Zeit die Entwicklung vom Kind-Sein zum Erwachsen-Werden – mit all seinen spezifischen Unsicherheiten und seiner Ich-Findung. Dieser besonderen Lebens- und Lernsituation möchten wir gerecht werden. Anstelle des Entwicklungsmaterials tritt das Arbeiten an konkreten Projekten, das angewandte Lernen im Leben selbst. Damit führen wir die inhaltlichen und organisatorischen Prinzipien des Kinderhauses und der Montessori-Grundschule (Klassen 1-6) kontinuierlich fort und erweitern diese.

In diesem Sinne verfolgt unsere Integrierte Gesamtschule das Ziel, den Bildungsanspruch des Landes Hessen für die Sekundarstufe mit Hilfe der von Maria Montessori entwickelten pädagogischen Prinzipien umzusetzen.

Montessori Schule Idsein

„Die besten Methoden sind diejenigen, die beim Schüler ein Maximum an Interesse hervorrufen, die ihm die Möglichkeit geben, allein zu arbeiten, selbst seine Erfahrungen zu machen, und die erlauben, die Studien mit dem praktischen Leben abzuwechseln.“ (Maria Montessori, Erdkinderplan)

Maria Montessori

*31. August 1870 in Chiaravalle Ancona; †6. Mai 1952 in Noordwijk aan Zee

Maria Montessori entwickelte ihre Pädagogik im Laufe ihres langen Berufslebens als Ärztin und Pädagogin. Sie kam aus einer gebildeten Familie und interessierte sich schon früh für Naturwissenschaften. Nach ihrem Abitur wollte Maria Medizin studieren, aber obwohl studieren für Frauen seit 1875 generell erlaubt war, bekam sie keine Zulassung zum Medizinstudium, da dies nur Männern zugänglich war. Deshalb studierte sie zuerst Ingenieurwesen und Mathematik und erst später Medizin. Beide Studiengänge haben Montessori im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Pädagogik sehr geprägt. Sie bemühte sich stets um wissenschaftliches Arbeiten, besonders um exakte Beobachtung. 1896 promovierte sie an der Universität Rom als erste Frau Italiens.

Ihr besonderes Interesse während des Studiums galt den geistig behinderten Kindern. Diesen Kindern wollte sie helfen und stieß dabei auf die Arbeiten von Jean Itard und Edouard Seguin, die einen großen Einfluss auf die von ihr entwickelte Montessori-Methode hatten. Auch Montessori war davon überzeugt, dass geistig behinderte Kinder keine medizinische Hilfe bräuchten, sondern pädagogische.

1899 erhielt sie vom italienischen Erziehungsminister den Auftrag, vor Lehrerinnen in Rom eine Vortragsreihe über die Erziehung geistig behinderter Kinder zu halten. Aus diesem Kurs ging die Scuola magistrale ortofrenica (italienisch „Heilpädagogisches Institut“) hervor, die sie als Direktorin zwei Jahre leitete. Sie entwickelte in dieser Zeit spezielle didaktische Materialien zum Sprach- und Mathematikunterricht.

Die von ihr betreuten geistig behinderten Kinder leisteten schon nach zwei Jahren dasselbe wie gesunde Kinder auf einer Regelschule. Von nun an begann Montessori darüber nachzudenken, was an einer Regelschule so falsch sein könne, dass selbst geistig gesunde Kinder dort so wenig leisteten.

Maria Montessoris einziger Sohn Mario wurde im März 1898 geboren. Er entstand aus der Beziehung Montessoris mit Dr. Giuseppe Montesano. Maria gab ihren Sohn einer Pflegefamilie, da ein uneheliches Kind für sie untragbar gewesen wäre. Erst als er erwachsen war, offenbarte sie sich ihm als seine Mutter.

Am 6. Januar 1907 eröffnete Maria Montessori das erste Kinderhaus für geistig gesunde Kinder aus armen Verhältnissen. Diese Tagesstätte hieß „Casa dei Bambini“. Ein Schlüsselerlebnis für Maria Montessori war die Beobachtung eines kleinen Mädchens, das vollkommen selbstversunken eine Übung mit Bauklötzen machte und sich durch nichts stören ließ. Dieses Phänomen nannte sie die „Polarisation der Aufmerksamkeit“.

Ab 1913 reiste Montessori in viele Länder, um dort Vorträge über die von ihr entwickelte Methode zu halten. Ihre Ideen fanden vor allem in Nordamerika und Europa Anklang und nach kurzer Zeit gab es auch dort Montessori Schulen.

Der 2. Weltkrieg und die Zeit des Faschismus in Deutschland und Italien brachten große Rückschläge für die Montessori-Bewegung. Bereits bestehende Schulen in Deutschland und Italien wurden geschlossen und ihre Schriften verbrannt.

1939 verließ Maria Montessori Europa und ging nach Indien. Auch dort entwickelte sie ihre Methode weiter, und entwarf besonders die „Kosmische Erziehung“, die ein wesentlicher Bestandteil der Montessori Pädagogik ist.

Erst 1949 kehrte Montessori endgültig nach Europa zurück und zwar in die Niederlande. Der 8. internationale Montessori-Kongress, der erste nach Kriegsende, fand 1949 in San Remo statt. Maria Montessori erhielt Ehrungen auf internationaler Ebene.